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Donnerstag, 7. April 2016

Donnerstags-Desaster #17

Verkehrte Welt

Wie letzte Woche bereits angedeutet, habe ich neulich in einem Berliner Club einen jungen Mann kennengelernt: stattliche 1,96m groß und zumindest durch die blässlich-grüne Mojito-Brille ganz nett anzusehen. Im Folgenden agiert er wenig überraschend unter dem Decknamen „Der Berliner“.
Der Berliner jedenfalls war laut eigener Aussage seit der ersten Sekunde vollkommen hin und weg, so wollte er mich unbedingt so bald wie möglich wiedersehen und Zeit mit mir verbringen. Es schien ihn dabei wenig zu stören, dass ich im gut drei Stunden entfernten Kiel wohne, denn ein Großteil seiner Familie lebt anscheinend ganz in der Nähe. So stand einem weiteren Treffen also nichts mehr im Wege.
„Montag? Ja super, ich nehme mir dann den ganzen Tag frei!“ - Schon bei diesen Worten hätten bei mir sämtliche Alarmglocken schrillen sollen, wer würde sich schließlich für einen Partyflirt tagelang frei nehmen? Und doch fand ich mich zwei Tage später mit dem Berliner, der vor lauter Aufregung kaum aufhörte, zu reden, am Rande eines idyllischen Feldes wieder, während ich mich fragte, was ich da eigentlich tat. Der Berliner war plötzlich ganz still, wirkte fast schon verängstigt. Auf mein „Was hast du denn?“ antwortete er zögerlich, er würde sich gerne einhaken, wolle aber auf keinen Fall aufdringlich wirken. Aber so halbe Sachen fangen wir gar nicht erst an: Ein bisschen Händchen halten hat schließlich noch niemanden umgebracht.
Auf dem Heimweg dann fing die ganze Sache an, mir suspekt zu werden: Ob ich mir denn vorstellen könne, dass es trotz der Entfernung funktioniert, er habe noch nie eine so tolle Frau getroffen. Holla! Wie reagiert man auf solch fiese Fragen beim ersten Date? Endlich verstehe ich all jene Typen, die panisch Reißaus nehmen, sobald so Mädchen wie ich sie vorschnell festnageln wollen. Und es nahm kein Ende; später in seiner Wohnung konnte ich den Satz „Ich hoffe, dass das Dating jetzt ein Ende hat, aber das kannst du ja besser beurteilen?“ galant umgehen, indem ich mir drei Stücke Sushi in den Mund stopfte. Danach habe ich dann schleunigst das Thema gewechselt. Abgesehen von den fünf bis sechs weiteren Versuchen, mir einen imaginären Verlobungsring anzustecken, war dies alles in allem wirklich kein schlechtes Date. Nur bestand für mich beim besten Willen kein Potential für eine Beziehung.
In der folgenden Woche haben wir zwar ab und zu geschrieben, allerdings hätte ich nie gedacht, dass wir uns je wieder sehen würden. Bis es plötzlich hieß, der Berliner sei die nächsten Tage bei seinen Großeltern in Kiel und er würde sich sehr freuen, wenn wir uns sehen könnten.
Und weil er ein echt netter Kerl ist, waren wir miteinander aus - Tatsächlich hat sein Großvater ihn hier abgesetzt, knapp zwanzig Minuten vor der vereinbarten Zeit, und mir freundlich zugewunken, während ich mit halbnassen Haaren in der Tür stand. Aber dafür habe ich eine Schachtel feinster Berliner Pralinen bekommen.
Auch das Dinner war wirklich nett und verlief so weit ohne große Komplikationen. Abgesehen davon vielleicht, dass er während des Essens trotz Widerworte zahlreiche Fotos von mir gemacht hat (Ja: mit Blitz!) und der Tatsache, dass sein Bildschirmschoner ein Bild von mir ist, das mich zuckersüß anlächelte, als er das Handy zurück in die Tasche steckte. Da saß ich nun und nippte peinlich berührt an meinem Ginger Ale, gänzlich darauf bedacht, mir meinen Schock nicht anmerken zu lassen. So etwas ist mir wirklich noch nie passiert – Da wünscht man sich glatt, man hätte doch etwas mit Schuss bestellt. Wie versprochen sind wir anschließend zu meinem Elternhaus gefahren, um einen Film anzuschauen, so hatte der Berliner auch gleich die Gelegenheit, meine absolut liebenswerten und leider überdurchschnittlich neugierigen Eltern kennenzulernen. Denn die standen natürlich prompt auf der Matte, sobald die Tür geöffnet ward. Ihr könnt euch vorstellen, wie gut mir das in den Kram passte, wo mein Plan eigentlich gewesen war, ihn möglichst unauffällig in mein Kellerzimmer zu schmuggeln. Der Berliner für seinen Teil schien entzückt, wenn auch etwas irritiert ob der Tatsache, dass mein Vater keine Hose trug. Später dann, beim Versuch, auf meinem Bett „Den Hobbit“ anzuschauen, trug sich die folgende äußerst ominöse Szene zu: Da ist man mit 'nem Kerl im Bett mit und fragt jenen hingebungsvoll, was er sich wünsche, und die Antwort lautet tatsächlich „Also was ich mir am meisten wünsche ist, dass das mit uns beiden etwas Festes wird“. Mensch, was spricht denn dagegen, sich einfach einen soliden Blowjob zu wünschen? Zum Glück musste der Berliner spätestens um zehn Uhr bei seinen Großeltern aufschlagen, so blieb mir der Eiertanz um Zukunftsaussichten und Hochzeitspläne erspart. Zum Abschied haben wir uns geküsst, vermutlich sehr zur Freude seiner Großeltern, die winkend am offenen Küchenfenster standen. Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Das ging nun leider nicht, also habe ich alternativ einfach das Gaspedal durchgedrückt.
Seitdem schreibt mir der Berliner mehrmals täglich und lädt mich nach Berlin ein, wobei ihn nicht zu stören scheint, dass ich kaum antworte. Ich warte nämlich darauf, dass er bald merkt, dass „das mit uns“ keine Zukunft hat. Ich fühle mich tatsächlich, als wäre ich der Kerl in diesem Szenario. Doch im Gegensatz zu den meisten Typen, denen solche Situationen nur allzu bekannt vorkommen sollten, habe ich permanent ein schlechtes Gewissen, fühle mich feige und gemein.
 
 
Fee

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