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Montag, 4. Juli 2016

Donnerstags-Desaster #Edit

Das große Kribbeln
 
Noch während ich verbittert in die Tasten haue und den Text über Tims sonderliches Verhalten verfasse, leuchtet mein Display auf: Eine WhatsApp-Nachricht von einer unbekannten Nummer.
 
Bei solchen unbekannten Nummern bin ich immer ganz aufgeregt, für gewöhnlich sind es sensationsverdächtige Nachrichten aus der Liste meiner zahlreichen Verflossenen, deren Nummer ich früher oder später mal mit vor Wut hochrotem Kopf, mal trotzig schmollend aus meinen Kontakten entfernt habe. So auch dieses Mal: „Na du, können wir die Tage mal schnacken?“ - tatsächlich war es Tim, der mir geschrieben hatte, als hätte er gerochen, dass es ihm im aktuellen Blogpost an den Kragen geht. Verdammt, das kam unerwartet. Das Herz irgendwo zwischen Magengrube und Hals, tippte ich mit zitternden Fingern meine betont lässige Antwort, während ich in Wirklichkeit am liebsten gestorben wäre. Wir verabredeten uns für den Abend, weil er mit gerne etwas sagen wollte, „Persönlich“... Sein Mut und Anstand in allen Ehren, aber von mir aus bräuchte ich die Abfuhr gar nicht unbedingt live und in Farbe, mir würden ein bis zwei klärende Sätze per Nachricht reichen, kurz und schmerzlos, schwarz auf weiß. Doch für schmerzlos war es ohnehin zu spät und die folgenden Stunden, die ich wartend und Fingernägel knabbernd auf der Couch verbrachte, waren die längsten meines Lebens. Eine super Sache im Übrigen, so wird man nicht nur abgesägt, sondern hat dabei noch abgefressene Nägeln und ein aschfahles Gesicht. So sexy wie eben möglich begab ich mich also zum Treffen, um mir meinen Todesstoß abzuholen. Merkwürdig, obwohl ich genau wusste, was auf mich zukommt, war Tims Anwesenheit gewohnt vertraut und beruhigend, wenn dieser auch sehr reserviert wirkte, unsicher, wie er sich verhalten soll.
Und dann legte er los, mit schuldbewusstem Ton und ernster Miene: Er fände mich umwerfend, ich sei unglaublich nett und wunderschön und so sexy (aus aschfahl wurde hier tomatenrot), aber es hätten sich einfach keine tieferen Gefühle entwickelt. Das habe er schon ein paar mal erlebt und es täte ihm unendlich Leid – Gerade bei mir. Da kam ich ins Stocken:
„Wieso gerade bei mir? Wirke ich besonders hilflos und verzweifelt?“, moserte ich herum und schaute ihn schmollend an. So in der Art jedenfalls, schmollen kann ich nämlich aufgrund einiger anatomischer Merkmale nicht, egal, wie sehr ich es versuche. Da musste Tim lachen: „Nein, überhaupt nicht, aber du warst so toll und lieb, du hättest mir nie einen Anlass gegeben, das mit uns zu beenden.“
. Und er hatte Recht, das hätte ich nicht, nicht in tausend Jahren. Ich bin ein Mädchen der tausend kleinen Gesten, so hatte ich extra Kinderschokolade für ihn gekauft mit den Protagonisten als „Perfektes Match“ (besonders witzig, weil wir uns auf Tinder kennengelernt haben #sothoughtful).
Aber glücklich wären wir beide dennoch nicht geworden. Trotzdem war es irgendwie beruhigend, zu hören, dass ich scheinbar doch kein hoffnungsloser Fall bin, dass es nicht an einem meiner vielzähligen schrägen Ticks, meinen verrückten Angewohnheiten oder meinem vollkommen verschrobenen Verhalten lag.
Ich sagte ihm, dass ich schön fände, wie ehrlich er sei und dass ich auf keinen Fall wollen würde, dass er so halbe Sachen macht. Er sagte mir, ich verdiene jemanden, der besser zu mir passt, er könne mir nicht gerecht werden, es läge nicht an mir, sondern an ihm...
Bevor er noch mehr Phrasen aus geschmacklosen Liebesdramen aufgreifen konnte, entließ ich ihn lieber schleunigst in die große weite Welt, ganz cool und unbeeindruckt. Eine skurrile, halbherzige Umarmung und ein Türklacken später überkam es mich doch und ich musste ein wenig weinen.
 
Im Nachhinein glaube ich, dass Tim goldrichtig gehandelt hat, vielleicht war es viel mehr die Vorstellung einer Beziehung als die grenzenlose, ungestüme Verknalltheit, die es eigentlich braucht, die Überzeugung, dass genau dieser Typ die beste Partie ist, die man jemals ergattern kann, dass man nie wieder einen anderen nackig sehen oder neben anderen zerknautschten Gesichtern aufwachen will. Es wäre sicherlich schön gewesen, eine Beziehung mit Tim zu führen; Ihn mit zu Familienfeiern zu schleppen, abends gemeinsam vor der Glotze zu muckeln oder sich gemeinsam darüber aufzuregen, dass der Pizza-Service nach stundenlanger Wartezeit die Peperoni vergessen hat. Es wäre einfach gewesen, komfortabel und es hätte sicher funktioniert – Aber auch, wenn der Sex prima war, hätte immer etwas gefehlt: Das große Kribbeln.
Natürlich fand ich seine Entscheidung zum damaligen Zeitpunkt blöd; Ich war verletzt und schwer getroffen, aber je länger ich darüber nachgedacht habe, desto deutlicher sah ich, dass ich ihn nicht als Partner vermissen würde, sondern als Freund. Seine Gesellschaft, seinen Optimismus, seine gute Laune. All das würde mir wahnsinnig fehlen.
Ich wollte ihn nicht aufgeben und so schaffte ich es innerhalb von zwei Stunden, die Trennung zu
revidieren und eine rein platonische Beziehung einzuläuten. Ein Foto, das mehr oder minder schelmisch mit „Mehr Schoki für mich“ prahlte und einige Verhandlungen später, einigten wir uns, dass platonisches Kuscheln wohl legitim wäre – Denn ohne mein Lächeln, sagt er, wäre es auch zu traurig.


Fee

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